The 2008 New Years Concert

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Französisches zum Jahresbeginn 2008

Georges Prêtre dirigiert sein erstes Neujahrskonzert

Mit Georges Prêtre leitet erstmals ein französischer Dirigent die Wiener Philharmoniker beim Neujahrskonzert. Seine Verbindung zu Wien reicht bis in die frühen sechziger Jahre zurück. 1962 dirigierte er auf Einladung des damaligen Staatsoperndirektors Herbert von Karajan einige Aufführungen der Richard Strauss-Oper Capriccio an der Wiener Staatsoper. Und zwar mit solchem Erfolg, dass ihm Karajan für das nächste Jahr eine Premiere anbot: Margarethe von Charles Gounod.

Georges Prêtre conducting
photo: Terry Linke
Ehe sich dafür der Vorhang öffnete, stellte sich der erst 29-jährige, aus dem nordfranzösischen Waziers (bei Douai) stammende Dirigent noch in den Abonnementkonzerten der Wiener Philharmoniker im Wiener Musikverein vor. Hans Knappertsbusch, der dieses Konzert hätte dirigieren sollen, erkrankte. Prêtre sprang für ihn ein und feierte damit an einem Tag gleich zwei Debüts. Dank seines zündenden Temperaments erlebte das philharmonische Publikum eine spannende “Fünfte Beethoven” und die Opernbesucher konnten sich über eine fulminante Margarethe freuen, was die missglückte Regie vergessen ließ.

In den folgenden Jahrzehnten wirkte Prêtre, der 1966 Musikdirektor der Pariser Oper wurde und 1989 die Opéra Bastille in Paris eröffnete, vor allem an großen Opernhäusern, darunter die New Yorker Met und die Mailänder Scala. Wiederholt trat er mit den bedeutenden amerikanischen und europäischen Orchestern auf, die er auf ausgedehnten Tourneen durch Europa, Japan und die Vereinigten Staaten begleitete.

Mitte der achtziger Jahre bekleidete er fünf Jahre lang die Position des Ersten Gastdirigenten der Wiener Symphoniker, mit denen er mehrfach seine Affinität für die Musik der Walzerdynastie Strauß unter Beweis stellte. In den letzten Jahren war er häufiger Gast beim RSO Stuttgart, der Staatskapelle Dresden, bei mehreren französischen und italienischen Klangkörpern und den Wiener Philharmonikern.

Georges Prêtre conducting the VPO
photo: Terry Linke
Prêtres Engagement für das Neujahrskonzert 2008 ist damit nur auf den ersten Blick überraschend. Jedenfalls bringt es eine neue Farbe in die Riege der bisherigen Dirigenten Willy Boskovsky, Lorin Maazel, Herbert von Karajan, Claudio Abbado, Carlos Kleiber, Zubin Mehta, Riccardo Muti, Nikolaus Harnoncourt, Seiji Ozawa, und Mariss Jansons. Diese Wahl spiegelt sich in der betont “französischen” Programmgestaltung wider, die traditionell mit einigen Novitäten aufwartet.

Erstmals in einem Neujahrskonzert erklingt der 1854 uraufgeführte Napoleon Marsch, op. 156. Johann Strauß stellte sich damit im Krimkrieg auf die Seite der Engländer und Franzosen unter ihrem Herrscher Napoleon III., dem er dieses Stück auch widmete. Dass man einem noch so strengen Regime, wie es Fürst Metternich in Österreich praktizierte, ein Schnippchen schlagen kann, bewies Johann Strauß Vater mit dem 1838 für seine Pariser Konzerte geschriebenen Walzer Paris, in dem er die von Metternich verpönte Marseillaise zitiert. Es gehörte schon Mut dazu, dass der Verleger Haslinger sich trotz dieses sehr politischen Finales nicht scheute, das Werk schon bald nach seiner Uraufführung herauszubringen. Ebenfalls mit diesem Paris-Aufenthalt in Verbindung steht der Versailler Galopp, in dem sich die Holzbläser mit virtuosen Stakkati mit den pizzicato spielenden Streichern brillant duellieren. “Hier musiziert der Beelzebub mit vollem Orchester”, kommentierte Heinrich Heine dieses ebenfalls von Strauß Vater komponierte Stück.

Schon bei ihrer Uraufführung im April 1860 wurde die Orpheus-Quadrille mit “donnerndem Applaus” aufgenommen. Der Walzerkönig reagierte damit auf den Premierenerfolg von Jacques Offenbachs Orpheus in der Unterwelt im Wiener Carltheater. Das erklärt auch die zahlreichen Offenbach-Anklänge in diesem zündenden Stück.

Die fünfte Novität dieses Neujahrskonzert stammt aus der Feder von Josef Strauß: Mit der Laxenburg-Polka feierte er die Geburt des im Wiener Vorort Laxenburg geborenen Kronprinzen Rudolf von Habsburg. Mit dem von August Silbersteins gleichnamiger Novellensammlung inspirierten Walzerklassiker Dorfschwalben aus Österreich und der duftigen Polka mazur Die Libelle kommt der geniale Bruder des Walzerkönigs noch zwei weitere Male zum Zug.

The majestic ceiling
photo: Terry Linke
Aber auch das erste Encore, dem traditionell der Donauwalzer (1867) und der Radetzkymarsch (1848) folgen, stammt von Josef Strauß: die Sport-Polka (1864). Damit erinnern die Philharmoniker an die 2008 in Wien stattfindende Fußballeuropameisterschaft. Das zweite große Sportereignis, die Sommerolypiade in Peking, begrüßt das Orchester mit einem frühen Werk von Strauß Vater, dem mit seinen Anklängen an Mozarts “Türkischen Marsch” exotisch gefärbten Chineser Galopp (1828).

Joseph Hellmesberger jun., einstiger Konzertmeister der Hofoper und philharmonischer Dirigent, ist mit seinem für den Concordia-Ball 1876 komponierten Galopp Kleiner Anzeiger vertreten und Joseph Lanner mit seinem Walzer Hofball-Tänze (1840). Ansonsten wird das Neujahrskonzert 2008 von Werken des Walzerkönigs Johann Strauß dominiert: der Ouvertüre zu seinem ersten Bühnenwerk Indigo und die 40 Räuber (1871), der nach den Motiven der Operette gearbeiteten Polka schnell Die Bajadere, dem der Gesellschaft der Musikfreunde gewidmeten Walzer Freuet Euch des Lebens (1870), der für seine Frau Jetty gedachten Polka francaise Bluette (1863), der von Johann Nestroys Posse Der Tritschtratsch inspirierten Tritsch-Tratsch Polka (1858), dem für den russischen Zaren Alexander III. geschriebenen Russischen Marsch (1886), dem für den Berliner Königsbau komponierten Kaiser-Walzer (1889) und der Polka française Die Pariserin (1860), die für eine dann nicht zustande gekommene Paris-Reise gedacht war.

Walter Dobner © 2007

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